Was tun, wenn die Krise die Seele und Beziehungen belastet?

Wir von der Stiftung Gesundheitsstadt Wiesbaden (SGW) haben Mira Schmidt-Opper (Foto: privat) gebeten, Ihre Erfahrungen zu teilen und konkret Impulse zu geben. Seit mehr als 22 Jahren begleitet sie als Trainerin für Konflikt und Stressbewältigung, Mediatorin, Coach und Therapeutin Menschen in Zeiten von Krisen und Wandel. Dazu nennen wir kostenlose Beratungs- und Anlaufstellen.

Ich ermutige meine Coachees, sich andere, neue Fragen zu stellen.“

Seminargruppen, Teams, Familien und Einzelpersonen hilft Mira Schmidt-Opper in ihren Beratungen und Seminaren dabei, die eigene Rolle im Geschehen zu erkennen, Der nächste Schritt ist dann, eine neue Entscheidung zu treffen: „Wenn man zum Beispiel lernt, die positiven Seiten einer schwierigen Situation zu sehen, kann man sie vertrauensvoller annehmen. Das nennt man im Fachjargon ,Umdeuten`. Auch die Entwicklung neuer Vorgehensweisen, etwa Grenzen zu setzen statt Ja zu sagen, und die Entdeckung eigener, bislang wenig oder gar nicht genutzter Kräfte, zum Beispiel mutig und zielorientiert zu sein, statt zu zögern und zu verzögern, sind Schlüssel, die den Weg zur Konfliktlösung und größerer Zufriedenheit öffnen.“

Wie das mit Hilfe verschiedener Coachingansätze gelingen kann, schildert Mira Schmidt-Opper an konkreten, anonymisierten Fällen. „Was darf Neues geschehen in meinem Leben?“, ist da eine der Kernfragen, die alle ihre Coachees für sich beantworten dürfen: „Der Weg ist oft ungewohnt,  doch er lohnt sich, denn er führt zu neuen Impulsen und Lebendigkeit. Eine Krise bringt, wenn wir uns der Veränderung stellen, auch Chancen mit sich. Wenn wir es nicht tun, wird es unsere Lebenssituation fast zwangsläufig belasten. So kann es Sinn machen, sich andere, neue Fragen zu stellen.“

Unser Praxisfall: Einschränkungen und Umstellungen im Beruf, die Ängste wecken

Annalena arbeitet seit über 20 Jahren als Grundschullehrerin an einer Montessorischule. „Das Kind tut, was du tust, nicht, was du ihm sagst“, ist ein pädagogischer Leitsatz von Maria Montessori, der 1952 verstorbenen italienischen Ärztin, Pädagogin und Gründerin der inzwischen weltweit verbreiteten Schulform. Inklusion, Kreativität und selbstbestimmtes Lernen stehen im Vordergrund. Mit zahlreichen Zusatzausbildungen und eigenen Konzepten hat sich Annalena für diese besondere Art des Unterrichtens qualifiziert.

Annalena liebt ihren Beruf, vor allem die Arbeit mit den Kindern: „Sie überraschen mich immer wieder mit ihren eigenständigen Persönlichkeiten und Ideen“, sagt sie. Und sie ist stolz, dass die Kinder ihr vertrauen und ihre Nähe suchen: Wer traurig ist, bekommt eine Umarmung, wer in Streit gerät, dem reicht sie die Hand und führt ihn ins Nebenzimmer, um Raum, Zeit und Zuwendung zu geben. Wenn außerschulische Probleme auftauchen, hilft sie dem Kind und den Eltern, Lösungen zu finden.

„Die Kinder fühlen sich bei mir akzeptiert und sicher“, sagt Annalena. Ihre Methoden haben sich lange entwickelt und bewährt, darunter das Arbeiten im Kreis, Gruppenarbeiten, Patenschaften mit älteren Kindern. Dazu kommen die von ihr erfundenen Spiele, Bastelangebote und Partnerübungen. „Die Kinder folgen meinem Unterricht aufmerksam und konzentriert“, sagt Annalena. Und: „Ich habe die Mimik und Körpersprache der Kinder so gut zu lesen gelernt, dass ich eingreifen kann, bevor ein Konflikt entsteht.“

Mit den Kontakt- und Hygienemaßnahmen, die Corona mit sich bringt, ist Unterricht in dieser Form nicht mehr möglich. Annalena muss neue Ideen und Konzepte erarbeiten und vorbereiten. Als sie zu mir kommt, ist der von ihr erwartete Neubeginn nur noch zwei Wochen entfernt – und sie fühlt sich in einer Krise gefangen.

Sie begann mit den ersten Vorbereitungen im Klassenraum: Annalena rückte Stühle und Tische auseinander und fühlte sich dabei plötzlich kraftlos und niedergeschlagen. Als sie dann Bälle, Spielkarten, Lernposter, Knautschkissen und andere Lernmittel zur Seite räumte, kamen Gefühle auf, die sie in der Situation nicht klar benennen konnte. Später hat sie sie mir beschrieben als: „Eine Mischung aus Versagensängsten, Überforderung, Wut und höchster körperlicher Anspannung“ – und hinzugefügt: „Ich verstand mich selbst nicht mehr. Ich fuhr nach Hause, legte mich hin und wusste, dass ich mir Unterstützung holen musste, um überhaupt in zwei Wochen handlungsfähig zu sein.“

 

Erste Krisenbetrachtungen: Welche Veränderungen ihrer Rolle erwarten Annalena?

Ich lernte Annalena als eine Lehrerin mit Herz und zum Anfassen kennen. Hygiene, Mundschutz, Abstandsregeln bedeuten für sie nicht nur Änderungen im Verhalten, sondern auch in ihrer inneren Haltung.

Wenn äußere Gegebenheiten uns zwingen, bewährte Verhalten und Überzeugungen in Frage zu stellen oder aufzugeben, können Gefühlen von Ohnmacht und Ungerechtigkeit aufkommen, die uns regelrecht lähmen. Wir empfinden die verordnete Veränderung häufig als einen Verlust, ähnlich einem Schicksalsschlag, der Trauer erzeugt und damit Stress. Diese Art von Stress betrifft auch andere Berufsgruppen in Corona-Zeiten: Wirtinnen und Wirte, denen es um Gemütlichkeit und Geselligkeit ging, müssen Gäste vom Tresen verbannen und mit Mundschutz bedienen, statt mit ihnen zu plaudern und Lächeln zu verschenken. Altenpflegerinnen und -pfleger können ihre Schutzbefohlenen nicht länger spontan umarmen, sich zu ihnen ans Bett setzen und die Hand halten. Orchestermusiker, die das Zusammenspiel lieben, müssen allein vor dem Monitor oder mit großem Abstand voneinander proben.

Annalena ist klar dass sie nicht die Einzige ist, die Veränderungen umsetzen muss. Sie stellt die Corona-Regeln nicht in Frage, aber die Form von Schule, die sie mit sich bringen: „Ich hatte das Gefühl, alles woran ich glaubte, sei plötzlich nicht mehr möglich. Stattdessen soll ich vorsintflutlichen Frontalunterricht machen“, sagte sie bei ihrem ersten Besuch und wird wütend: „Zu einem Rückschritt gezwungen zu werden ohne Mitsprache!“ Erstarrt, wie das Kaninchen vor der Schlange fühle sie sich und so erschüttert, dass sie daran denke, den Beruf aufzugeben.

Den Beruf aufzugeben, fällt in die Kategorie „Panik-Lösung“. Abwehren und Aufgeben ist eine normale Strategie, wenn wir uns in die Enge getrieben fühlen. Wir geraten in den Kampfmodus, in dem wir nicht länger differenziert denken, sondern in Extremen: Freund oder Feind? Schwarz oder weiß? Weg A oder Weg B? Im Kampfmodus sollten wir darum nach Möglichkeit keine wichtigen Entscheidungen treffen, weil wir allzu leicht den Weg C übersehen. In Annalenas Fall wäre „Weg C“ eine gute Mischung, zum Beispiel: aus Regeln Spiele zu gestalten. Oder Projekte anzubieten, wie Kollagen, bei denen jedes Kind einen Teil beisteuert, ohne gemeinsame Materialien zu verwenden.

Was denn genau den Widerstand gegen die neue vorgeschriebenen Führungsrolle hervorrufe?, wollte ich wissen. „Dass ich bestimmen und streng sein muss“, antwortet sie ohne ein Zögern. Was verkehrt daran sei, eine herzliche und zugleich strenge Lehrerin zu sein, hake ich nach. „Alles!“, antwortet sie. Es habe ihr gereicht, das bei ihrem Vater zu erleben, der Schulleiter gewesen sei. Sie wolle es anders machen als er, besser.  Ich fragte sie, welche Vorteile es haben könne, wenn man als Lehrerin auch Strenge zeige? Dazu fiel ihr einiges ein, unter anderem, dass strenge Kolleginnen es manchmal leichter hätten als sie: „Es kann anstrengend sein, die Kinder zu motivieren.“ Warum sie der Überlegung nicht gefolgt sei? „Die Führungsrolle bedeutet für mich etwas grundsätzlich Unangenehmes“, antwortet sie.

Diesen Punkt betrachten wir genauer, denn in den meisten Fällen weist eine starke Ablehnung in Richtung der Lösung für ein Problem. Es gilt, der Ablehnung auf den Grund zu gehen und eine neue Haltung zu finden. Wir sprechen also über Führungsstärke und Strenge und über Irrtümer über beide Themen. Unser Fazit: Die von Annalena erwartete Führungsrolle bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie ihre Liebe zu den Kindern aufgeben muss.

Im nächsten Schritt beginnt Annalena, sich ihre veränderte Rolle zu erarbeiten: eine Führungsrolle, in der sie sich wieder finden und auch viel Neues entdecken und ausprobieren kann. Bevor die zwei Wochen um sind, hat sie Frieden mit den geforderten inneren Veränderungen geschlossen und ihre Kräfte und ihr Optimismus kehren zurück.

 

Fragen, die Annalena in Richtung einer Lösung führen

In welchen Rollen hat Annalena schon einmal die Führung übernommen und sich wohl gefühlt?

Welche Formen von Strenge findet sie gut, welche lehnt sie für sich ab?

Was wird sie anders machen als ihr Vater, wenn sie eine Führungsrolle übernimmt?

Was kann sie Passendes aus ihrer bisherigen Vorgehensweise auch im Frontalunterricht nutzen?

Wie kann sie aus den neuen Regeln spannende Spiele gestalten?

Welche Elemente gibt es, die weiterhin Freude und Konzentration am Lernen erhalten?

Welche Bewegungsspiele kann sie mit den Kindern  wunderbar auch am Platz machen?

Was kann Annalena auf ihrer neuen Bühne vor der Klasse  auszuprobieren, welche Spielräume kann sie sich erschließen?

Mit welchen Spielideen und Belohnungen kann sie körperliche Nähe ersetzen?

Wie kann sie für die Einhaltung der Regeln sorgen und dabei liebevoll bleiben?

 

 

Die Auswirkung der Impulse durch das Coaching

Die veränderte Sicht auf das Thema Führung und die Möglichkeiten, die neue Rolle mit Anteilen der alten zu bereichern, haben Annalena geholfen, die Krise zu bewältigen. Die Vorgaben empfindet sie nicht länger als erdrückend und sie fühlt sich nicht mehr überfordert. Sie kann die verordneten Veränderungen inzwischen als guten Impuls zur persönlichen Entwicklung sehen. Ihre neue Rolle wird den Schwerpunkt weniger auf die Motivation der Kinder und den Austausch innerhalb der Gruppe legen, sondern auf ihre Präsenz und die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Kinder auf dem Platz sitzen bleiben. Damit die Freude am Lernen und ihre Freude am Lehren erhalten bleiben, greift Annalena auf ein vergessenes Potential zurück: Früher liebte sie es, Kabarett und Sketche aufzuführen.

Aus dieser Quelle sprudeln Ideen, wie sie den Unterrichtsstoff so aufbereiten kann, dass er ohne Gruppenarbeit Spaß macht. Statt zu umarmen, drückt sie Liebe und Zuwendung in Worten aus. Es habe sie erst Überwindung gekostet, aber nach einer Weile habe es sich gut angefühlt, einem Kind zu sagen, dass man es sehr gern habe, erzählte sie.  Sie schreibt inzwischen Kurzgeschichten, die sie mit den Kindern liest und denkt sich Gemeinschaftsprojekte aus, zu denen jedes Kind etwas Eigenes beisteuert: „Die Möglichkeiten scheinen plötzlich wieder unendlich.“

Was das Führen und die Strenge betreffen, hat Annalena entdeckt, dass es auf die innere Haltung ankommt. Den Kindern gehe es gut damit, liebevoll Grenzen und Richtungen aufgezeigt zu bekommen. Für das Einhalten der Regeln können sie Bonuspunkte sammeln und „Rabattmarken“, sie werden viel gelobt und dürfen damit experimentieren, selbst streng zu sein: Es gibt „Beauftragte“, die verantwortlich sind für das Einhalten von Regeln beim Hände waschen, Abstand halten, Masken tragen. „Die Kinder und ich haben unsere Rollen in dieser Krise gemeinsam verändert. Das macht stark. Und es klappt erstaunlich gut!“

 

Erste Hilfe in der Krise

Viele Menschen haben Probleme damit, anderen Grenzen zu setzen und dabei einfühlsam zu sein. Ganz wesentlich dabei ist, zu vermitteln, dass man Gutes für den Anderen erreichen will. Ein Gespräch aus Annalenas Schulalltag, aufgegliedert in drei Schritte, zeigt, wie es gelingen kann.

  1. Schritt: Die Verbindung suchen

Annalena: „Ich habe gesehen, dass du gerade Deinen Klassenkameraden mit beiden Händen berührt und weg geschoben hast.“

Kind: „Ja, aber er war ja zu nah auf mich zu gekommen!“

Am besten erreicht man andere, indem man sich in ihre Situation versetzt. Was bewegt sie, was ist ihre Sicht auf das Geschehen? Beschreiben Sie die Situation neutral ohne Anklage oder Vorwurf, und berücksichtigen Sie dabei die Haltung des Gegenübers. Sagt er oder sie Ja zu Ihrer Aussage, ist die Strategie geglückt. Das Ja, am besten laut ausgesprochen, signalisiert, dass der Gesprächspartner sich gesehen und gehört fühlt. Er hat im wahrsten Sinn ein offenes Ohr.

  1. Schritt: Die Grenze setzen

Annalena: „Du weißt, wir müssen alles Mögliche tun, auch manchmal für Euch Unverständliches, um die Abstandsregel einzuhalten. Wenn dein Kumpel dir zu nahe kommt, dann schaust Du ganz schnell, dass Du selbst einen Schritt vor oder zurück gehst und ausweichst.

Es ist wichtig, klar und sachlich mitzuteilen, welches Verhalten erwartet wird.

  1. Schritt: Das Entgegenkommen

Annalena: „Übrigens, was Du noch tun kannst, wenn Ausweichen nicht hilft, ist ganz laut, Stopp` rufen. Und wenn das auch nichts bewirkt, dann sprichst Du bitte mit mir und ich spreche mit Deinem Klassenkameraden oder noch einmal mit der ganzen Klasse.“

Auf ein Verbot, also ein Nein, reagieren wir mit Wut oder Ohnmachtsgefühlen. Auch wenn wir gelernt haben, dieses archaische Muster zu unterdrücken, erschwert es, dass wir kooperieren. Folgt jedoch auf das Nein ein Entgegenkommen oder eine Kompromisslösung, dann wird der „Mechanismus“ außer Kraft gesetzt und es fällt leichter, eine Grenze zu akzeptieren und Verständnis dafür aufbringen.

Die drei Schritte funktionieren im Übrigen nicht nur bei Kindern, sondern in fast allen Konfliktsituationen, in denen Sie Grenzen setzen wollen!

 

Ich wünsche Ihnen eine gesunde, kraftvolle, gelassene Woche,

Ihre Mira Schmidt-Opper

Weitere Praxisfälle

Stress im Homeoffice

Herausforderung Kurzarbeit

 

Brauchen Sie einen Impuls in Corona-Zeiten oder können Sie einen geben?

Wenn Sie selbst eine persönliche Krise bewältigt haben und ihre Erfahrungen anderen helfen können oder wenn Sie sich für sich selbst einen Impuls in der Coronakrise wünschen, schreiben Sie eine Email an die Stiftung Gesundheitsstadt Wiesbaden mit dem Stichwort: AUS DER PRAXIS DER KRISENBEGLEITERIN. Bitte verzichten Sie aus Gründen des Datenschutzes darauf, in dieser ersten Kontakt-Email Ihre Situation zu beschreiben. Emailadresse: info@ein-gesundes-wiesbaden.de; Wir melden uns bei Ihnen und nennen Ihnen gegebenenfalls Anlaufstellen.


Wo Sie Hilfe finden, wenn der Alltag aus den Fugen gerät

Für Familien, Senioren, Frauen, Jugendliche und andere Gruppen gibt es zahlreiche Einrichtungen, Vereine und andere Initiativen, die bei seelischen Problemen und Lebenskrisen weiter helfen – nicht nur in Zeiten von Corona.

<< Eine Übersicht  bietet die Seite der Stadt Wiesbaden.

 <<An die Corona-Hotline der Stadt, können Sie sich täglich zu Bürozeiten auch mit Fragen zu Alltagskrisen und Beratungsstellen wenden: 0611 / 31-8080; ebenso an die Hotline des Landes Hessen: 0800 / 5554666  

 <<Beim Diakonischen Werk Wiesbaden gibt es telefonisch und über die Website  Hilfe bei Lebens-, Erziehungs- und Paarfragen.

<<Das Gesundheitsamt berät telefonisch: 0611/ 312819 und per Email: spdi@wiesbaden.de

<< Hotlines und Beratungsadressen, insbesondere für Familien und Schwangere, auch aus nicht christlichen Kulturkreisen, listet das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.